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Die Gabe der Zungenrede (Teil 2)

von Johannes Justus — abgelegt in Geistwirkungen, Heiliger Geist am 22. Februar 2018

Als ein in Deutschland lebender Christ schätze ich die in unserer Kultur verankerte Nähe zur Ordentlichkeit und Nüchternheit. Und dennoch ist es mir sehr wohl bewusst, dass der Heilige Geist in seinem Wirken oft einen anderen Weg geht und gerne mal meine „Ordnung“ auf den Kopf stellt. Wie können wir das Zungenreden in unserem Kontext gebrauchen, so dass es die von Gott gegebene Wirkung auch tatsächlich erreicht?

Persönliche Erbauung durch das Sprachengebet

Es ist gut, in Sprachen zu beten, weil ich mich dadurch selbst erbaue (1 Kor 14, 4). Denn wer selbst erbaut ist, kann leichter auch andere ermutigen. So gesehen dient das Zungenreden letztlich doch dem Leib Christi als Ganzes.

Manchmal kann ich als Beter wahrnehmen, dass hier Dinge im Verborgenen sind, für die mir die Worte fehlen. In solch einem Fall kann ich mich darauf verlassen, dass Gott mir die richtigen Worte schenkt.

Nicht selten frage ich deshalb bei Menschen, für die ich bete, nach Erlaubnis, zuerst in Sprachen beten zu dürfen. Auf diese Weise werde ich persönlich erbaut und segne die Menschen im Gebet. Immer wieder erlebe ich dabei, wie Gott mir währenddessen zeigt, wofür ich bete und dies im anschließenden Gespräch mit dem Menschen bestätigt.

 

Gemeinsames Sprachengebet im Gottesdienst

„Sie aber, als sie es hörten, erhoben einmütig ihre Stimme zu Gott und sprachen …“ Apostelgeschichte 4, 24

Diese und andere Bibelstellen (Apg 10, 46; Offb 19, 6) deuten darauf hin, dass gemeinsames, lautes Gebet für die Adressaten des Neuen Testaments nichts Ungewöhnliches war. Auch das Alte Testament berichtet an vielen Stellen davon, wie größere Volksmengen ihre Stimme gemeinsam zu Gott erhoben (Ri 21, 2). Was mir persönlich an dieser Stelle hilft, ist der Gedanke an unsere geistlichen Wurzeln, das Volk Israel. Durch meine regelmäßigen Besuche in diesem Land habe ich klar das Bild der Klagemauer und den davor betenden Menschen vor Augen. Viele stehen davor und beten halblaut, jeder von ihnen sein eigenes Gebet. Als Ganzes hört es sich an wie ein Brummen. Doch den einzelnen Beter stört dies nicht, weil er auf sein persönliches Gebet fokussiert ist. So ist es für mein Gebet sogar förderlich, wenn ich höre, dass viele um mich herum auch beten. Auf diese Weise fühle ich mich als Teil des Ganzen mitgenommen und getragen.

Deshalb ist es durchaus sinnvoll, wenn wir im Gottesdienst alle gleichzeitig, halblaut beten oder singen, sei es in Deutsch oder in Sprachen. So müssen wir nicht warten, bis einer nach dem anderen gebetet hat. Weil aber so etwas in unserer deutschen Kultur schnell als unordentlich empfunden wird, empfehle ich in öffentlichen Gottesdiensten gemeinsam in Sprachen zu singen.

Gemeinsames, lautes Beten in Sprachen führt leider immer wieder zu Missständen, so dass es zum Wettbewerb zwischen den „Laut-In-Zungen-Schreienden“ kommen kann. So manch einer meint besonders geistlich zu sein, wenn er besonders laut betet und will dadurch als solcher wahrgenommen werden. Dabei geht es beim gemeinsamen Zungenreden nicht um mich, sondern um die Sache, nämlich darum, dass wir Gott loben und danken.

Zu meinem Bedauern haben die gerade erwähnten Missstände in vielen Gemeinden dazu geführt, dass man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat, indem man gemeinsames Beten in Sprachen ganz aus dem Gottesdienst entfernt hat. Dabei kann man doch geistlich sein, ohne komisch zu werden.

 

Auslegung im Gottesdienst

An dieser Stelle komme ich zurück auf den bereits beschriebenen unterschiedlichen Gebrauch des Zungenredens. Solange ich das Sprachengebet in Form von Selbstauferbauung oder als gemeinsamen Lobpreis praktiziere, muss dieses nicht zwingend ausgelegt werden. Wende ich mich jedoch mit einer Zungenrede an die Gemeinde (1 Kor 14, 26), muss in das Ganze Ordnung hineinkommen (1 Kor 14, 28-31).

Hierbei ist es interessant zu beobachten, wie der Begriff „Erbauung“ das ganze vierzehnte Kapitel des 1. Korintherbriefs durchzieht und somit zu dessen Leitbegriff wird (Verse 3, 4, 5, 12, 17 und 26). Wie aber kann ich meinen Bruder oder meine Schwester erbauen, wenn ich mich in einer unverständlichen Sprache an sie wende? Deshalb muss ich sichergehen, dass ein Ausleger da ist, damit das Gesagte beim Adressaten auch ankommt. Wenn ich das nicht kann, dann soll ich lieber schweigen (1 Kor 14, 28). Woher weiß ich denn, ob ein „Ausleger“ da ist, wenn ich selbst die Gabe der Auslegung nicht habe? Aus dem Bibeltext lässt sich erschließen, dass die „Ausleger“ der Gemeindeleitung bekannt waren. Folglich sollte diese Gabe, genauso wie jede andere Gaben in Abstimmung mit der Gemeindeleitung praktiziert werden.

Wenn es um die persönliche Erbauung geht, will Paulus, dass möglichst alle in Zungen reden. Wenn es aber um einen Beitrag im gemeinsamen Gottesdienst geht, ist das Ziel die Förderung der Menschen durch klare verständliche Lehre. Daher will Paulus, so sehr er das persönliche Zungengebet schätzt (14,19), von der Kanzel „lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.“. Denn der wesentliche Grund des gemeinsamen Gottesdienstes ist nicht in erster Linie meine persönliche Auferbauung, sondern die Erbauung der Gemeinschaft.